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Delyana Lazarova: eine Musikerin aus der Mitte der Musiker

Concert symphonique

Delyana Lazarova: eine Musikerin aus der Mitte der Musiker

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Delyana Lazarova ist seit Beginn der Spielzeit 2025/26 „Principal Guest Conductor“ des Utah Symphony und des BBC Scottish Symphony Orchestra. Nun kommt sie wieder nach Straßburg. In Erinnerung ist ihr Konzert vom September 2024 mit Beethovens 7. Symphonie, bei dem, wie sie selber es beschreibt, „das OPS wirklich brannte“. Nun hat das Publikum Gelegenheit, diese Dirigentin, die gerade stark im Kommen ist, mit einem sehr deutschen und ausgesprochen romantischen Programm zu erleben, in dem die Werke in einen feinen Dialog zueinander treten. 

Welche sind Ihre ersten musikalischen Erinnerungen? 

Musik durchströmte unser Haus schon, als ich noch ganz klein war. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, wo sie nicht da war. Meine Mutter ist Pianistin und Komponistin, und ich wollte immer mit ihr zusammen spielen. Und so habe ich mit fünf mit der Geige angefangen. Ich erinnere mich auch an das erste Konzert, das ich gehört habe, kurze Zeit später: ich war hypnotisiert vom Klang des Orchesters, von der Stimmung … besonders aber war ich angezogen und fasziniert von der rätselhaften Gestalt des Dirigenten. Ich fragte mich, was der da machte, mit dem Rücken zu uns, mit Blick in ein seltsames Buch und mit den Händen, die in der Luft herumfuchtelten. Da war etwas Magisches drin. 

Wie wird aus einer Geigerin eine Dirigentin? 

Dirigentin zu werden erschien mir ganz einfach als die natürliche Fortsetzung meiner Karriere als Geigerin. 

Ist es heute für Ihre Arbeit am Pult wichtig, dass Sie ausgebildete Geigerin sind? 

Wesentlich sogar! Die Perspektive der Instrumentalistin ist für mich grundlegend: bei meinem Zugriff auf die Partitur ist dieser Blickwinkel zentral, denn er erlaubt mir zusätzliche Empathie, und auch, mir die Vision der Musiker vorzustellen. Dadurch wird der Kontakt zum Orchester nochmal besser, denn ich weiß, was es heißt, „auf der anderen Seite“ zu sitzen, was ich verlangen kann – und was nicht! Die Geige ist sozusagen meine Superkraft [lacht]. 

Welche Dirigenten haben Sie inspiriert in Ihrer Karriere? 

Ich bin Johannes Schlaefli sehr dankbar, meinem Lehrer an der Zürcher Hochschule der Künste, mit dem ich noch immer im Kontakt stehe. Und genauso sehe ich noch immer meinen zweiten Mentor, Mark Elder, dessen Assistentin ich drei Jahre lang beim Hallé Orchestra1 war. 

Wie würden Sie sich selbst als Dirigentin beschreiben? In einem Interview sagten Sie einmal, Sie seien „eine Musikerin aus der Mitte der Musiker“? 

Diese Definition passt mir sehr gut [lacht]. Meine Philosophie ist, die Musiker und die Besonderheit jedes Orchesters, mit dem ich arbeite, verstehen zu wollen, denn alle sind anders. Es ist wichtig, in kürzester Zeit gemeinsam die Umrisse unserer Interpretation eines Werkes abzustecken. 

Wie beschreiben Sie Ihre Funktion während des Konzertes? 

Mein Ziel ist es, klar, expressiv und inspirierend zu sein, mit den Musikern zu kommunizieren. Meine Rolle ist die einer Brücke zwischen dem Komponisten – ich habe eine sehr enge Beziehung zur Partitur, ich studiere sie sehr lange, will verstehen, wann sie geschrieben wurde, unter welchen Umständen - und dem Publikum. Trotzdem ist die Partitur nur eine „Landkarte“, auf der man sich orientiert: erst wir machen sie lebendig. 

Am Dirigentenpult sind Frauen auch heute noch eine Minderheit … 

Es ist völlig unwichtig, ob man ein Mann oder eine Frau ist; was zählt ist, dass man ein guter Dirigent ist! Ja, wir sind noch eine Minderheit, denn in der Vergangenheit war das eine sehr männerbestimmte Tätigkeit, aber das ändert sich gerade vor unseren Augen… 

Welches ist Ihr Lieblingsrepertoire? 

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich würde mal sagen, das Repertoire, das ich diese Woche dirigiere [lacht]. 

Sie setzen sich gerne ein für Komponisten Ihres Herkunftslandes Bulgarien wie Pantcho Vladiguerov (1899-1978) oder Marin Petrov Goleminov (1908-2000). So haben Sie mit dem Hallé Orchestra (The Hallé Label, 2023) eine CD aufgenommen, die Dobrinka Tabakova (geb. 1980) gewidmet ist. Was können Sie uns zu dieser Komponistin sagen? 

Ich bin ein absoluter Fan von ihr, denn ihre Musik, in der sehr vieles anklingt, hat erst einmal unmittelbare Reize, erweist sich dann aber auch als komplex und vielschichtig. Wann immer ich sie dirigiere, wo auch immer auf der Welt, ist die Reaktion des Publikums unglaublich, da ist eine sofortige Verbindung zu den Zuhörern! Man kann auf der CD schöne Beispiele dafür entdecken, in den Stücken für Orchester – Earth Suite oder Orpheus’ Comet – oder in ihren Konzerten für Bratsche und Streicher oder für Violoncello und Streicher. 

Interview Hervé Lévy 

1 Nachdem sie 2020 die erste Siemens Hallé International Conductors Competition gewonnen hatte.