Kirill Karabits: Zwischen Frankreich und der Ukraine
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Kirill Karabits kehrt nach Straßburg zurück: Ein Programm zwischen französischer Eleganz und ukrainischer Seele
Nach einer langen, intensiven Verbindung mit dem Orchestre Philharmonique de Strasbourg (OPS) – er war von April 2004 bis 2006 dessen Erster Gastdirigent – steht Kirill Karabits wieder am Pult in Straßburg. Für dieses Konzert hat er ein Programm gewählt, das seine künstlerische Identität widerspiegelt: eine Begegnung zwischen der Zartheit des französischen Repertoires und den Klangwelten seiner ukrainischen Heimat. Der Dirigent, der sich leidenschaftlich der Wiederentdeckung vergessener Werke widmet – so rekonstruierte er etwa die als verloren geglaubte „Johannespassion“ von Carl Philipp Emanuel Bach – präsentiert mit Théodore Akimenkos „Suite pastorale“ (op. 78) eine Welturaufführung. Der 1876 geborene Komponist, Schüler Rimski-Korsakows und Lehrer Stravinskys, vereint in seiner Musik ukrainische und französische Einflüsse.
„Wie sehen Sie das Orchester heute, nach all den Jahren?“
„Ich habe das OPS seit langem nicht mehr dirigiert, aber ich weiß, dass es sich hervorragend entwickelt – mit spannenden Programmen und Projekten, die nicht nur in Frankreich, sondern weltweit Beachtung finden.“
„Welche Gefühle begleiten Sie bei dieser Rückkehr?“
„Ich bin überglücklich, wieder hier zu sein. Meine Zeit als Erster Gastdirigent war mein erster professioneller Posten als Dirigent – viele Konzerte aus dieser Zeit sind mir unvergesslich. Besonders die Spanien-Tournee mit Bruckners Neunter Symphonie oder mein Debütkonzert 2004/05 mit Tschaikowskis ‚Pathétique‘ und Kanchelis ‚Styx‘ prägten mich. Und natürlich die Aufführungen von ‚Eugen Onegin‘ an der Oper!“
„Was ist der rote Faden dieses Abends?“
„Das Programm feiert den französischen Romantismus und die poetischste Musik des 19. Jahrhunderts – mit Raritäten wie Akimenkos Suite pastorale, die in den 1930ern entstand und heute erstmals erklingt. Der Abend hat eine starke pastorale Note, etwa mit Vincent d’Indys Symphonie, die perfekt zu Akimenkos Eröffnungswerk passt.“
„Akimenko setzen Sie seit Jahren ein – wie würden Sie seine Musik beschreiben?“
„Sie verbindet ukrainische, slawische und französische Klänge auf einzigartige Weise. Akimenko lebte jahrelang in Frankreich und entwickelte einen Stil, der beide Kulturen verschmilzt. 2024 führte ich sein ‚Ange‘ mit dem Orchestre de Paris auf; jetzt folgen weitere Uraufführungen, darunter 2026 sein großes Opernwerk in Frankreich.“
„Warum ist es heute wichtiger denn je, ukrainische Musik bekannt zu machen?“
„In diesen tragischen Zeiten für die Ukraine müssen wir ihre reiche Kultur zeigen – nicht nur den Krieg. Akimenko, dessen 150. Geburtstag wir feiern, träumte davon, dass seine Musik von Spitzenorchestern gespielt wird. Das hier zu ermöglichen, ist mir eine besondere Ehre.“
„Augusta Holmès, die ‚französische Wagner‘, ist fast vergessen – woran liegt das?“
„Vielleicht an ihrem unkonventionellen Werdegang: Sie hatte keine formale Ausbildung, und als Frau hatte sie es schwer, sich durchzusetzen. Doch ihr Werk – Sinfonien, Kammermusik, Opern – verdient Entdeckung! ‚La Nuit et l’Amour‘ ist ein Juwel der französischen Tradition.“
„Zu d’Indy und Franck: Was macht diese Werke besonders?“
„D’Indys ‚Symphonie sur un chant montagnard‘ mit Klavier ist farbenprächtig und basiert auf einem originalen Hirtenlied aus der Ardèche. Francks Symphonie in d-Moll hingegen ist ein Meisterwerk des französischen 19. Jahrhunderts – ich freue mich sehr auf die erste Zusammenarbeit damit in Straßburg.“
Das Gespräch führte Hervé Lévy.